nähmaschinenlose Zeiten

Mir wurde die Frage gestellt, ob ich nicht einige meiner handgenähten Stücke zeigen möge. Aber klar mag ich, deshalb folgt nun ein sehr bildlastiger Eintrag. Alle Kleider und Accessoires, die ich auf diesen Fotos trage, habe ich komplett mit der Hand genäht oder – wie z.B. den Strohhut – mit handgefertigten Dekorationen versehen.


 

Spätmittelalter

Hier bewegen wir uns im Zeitraum von ca. 1460 bis 1480. Auf dem Bild mit dem Reliquienkästchen und der Fahne leiste ich gerade meinen Eid zur Aufnahme als Mitglied der Company of St. George, mit der ich schon viele schöne Anlässe erleben durfte.

SpätmittelalterKurzarmkleid ohne Taillennaht, aus grauem Wollstoff. Der Rockteil erhält die benötigte Weite durch eingesetzte Keile. Das Kleid wird vorne mit einer Seidennestel geschnürt, dazu trage ich Ansteckärmel und einen Beutel, beides aus violetter Wolle. Unter dem Kleid wird ein Unterkleid aus Leinen getragen und die Haare verschwinden unter einer Haube aus demselben Material.

Die Haube ist ein langes Rechtecktuch und wird je nach Lust und Laune um den Kopf gewickelt, drapiert und mit Messingstecknadeln festgesteckt.

Ansteckärmel trägt man zu Kurzarmkleidern immer, ausser man verrichtet Arbeiten, bei denen sie schmutzig werden könnten, zum Beispiel beim Abwaschen. Weshalb man sie dann auszieht, ist einfach erklärt: Das Leinenunterkleid, dessen Ärmel man sich ohne die Überärmel verdreckt, lässt sich einfacher (und heisser, damit auch alles rausgeht) waschen als etwas aus Wollstoff.
 

spämi03spämi02Die beiden folgenden Bilder zeigen dasselbe Kleid, mit anderen Accessoires kombiniert. Auf dem zweiten Foto trage ich Haube und Frisur, wie sie vor allem im süddeutschen Raum und der Schweiz vorzufinden waren.

 

 

 

 

 

spämi04Ein Langarmkleid aus violettem Wollstoff mit versteckter Schnürung. Es hat im Gegensatz zum grauen Kleid eine Taillennaht, an der der eingefältelte Rockteil angesetzt wurde.

 

 

 

 

 

 


 

deutsche Frührenaissance

Dieses Kleid ist im Zeitraum um ca. 1510 herum anzusiedeln. Es ist aus dunkelgrünem Wollstoff gefertigt, mit rostfarbenen Seidentaftbesätzen verziert und wird über einem weissen Leinenunterkleid getragen. Vorne wird es mit einer versteckten Schnürung geschlossen. Wobei, eigentlich ist sie gar nicht so wirklich versteckt, sie darf nämlich gerne hervorblitzen.

Zum Kleid gehört wahlweise eine weisse Leinenhaube oder eine Wulsthaube aus Seidentaft, auf welcher das Tellerbarett festgesteckt wird. Ach ja: Je mehr Federn auf dem Barett, desto besser!

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achtzehntes Jahrhundert

Einen kleinen Ausflug ins achtzehnte Jahrhundert – ca. 1770-1780 – mache ich mit dieser Kombination aus Rock und Oberteil, beides ist aus Baumwollstoff genäht. Das Oberteil hat keinerlei Verschlüsse, es wird vorne mit Stecknadeln zusammengehalten. Dazu trage ich eine schlichte weisse Baumwollhaube mit Seidenbandverzierung sowie einen Strohhut, den ich mit einer Kokarde aus Seidenband und einem Cut-Steel-Knopf plus Straussenfedern aufgehübscht habe. Sollte ich bei kühlerem Wetter rausgehen, ziehe ich das Mantelet aus ockerfarbenem Wollstoff mit dunkelblauem Seidenfutter über.
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achtzehntes04Unter dem oben gezeigten Ensemble trage ich das obligate Leinenunterhemd, dazu einen oder mehrere Unterröcke sowie eine Schnürbrust. Diese ist auf dem nebenstehenden Foto zu sehen. Es gibt verschiedene Arten von Schnürbrüsten, vollversteift, halbversteift (das bezeichnet die Menge an Stäbchen); Vorderschnürung, Rückenschnürung, oder gar beides. Ich habe mich für eine halbversteifte Version mit Rückenschnürung entschieden. Genäht habe ich sie aus zwei Lagen festem Baumwollstoff mit einer dünnen „Zierschicht“ aus grünem Baumwollsatin. Die Kanäle für die Stäbchen habe ich mit violettem Seidengarn genäht und das Ganze mit violettem Baumwollband rundherum eingefasst.

 

 

 


 

Napoleonik

napoleonik03Wie man unschwer erkennen kann, nimmt die Napoleonik in meinem historischen Fundus viel Platz ein. Die Stücke, die ich fertige, sind von meinen „modischen Lieblingsjahren“ 1795-1805 inspiriert.

Das schlichte weisse Kleid kann auf beinahe unendlich viele Arten kombiniert werden. An einer Diner-Veranstaltung am Karneval von Venedig habe ich es mit Trikolore-Accessoires getragen, dazu Lorbeerblätter ins Haar, fertig ist die Napoleon-Parteigängerin. Den dazugehörigen Fächer sieht man auf dem Bild leider nicht, aber darauf prangt ein Porträt des jungen General Bonaparte.

Drei weitere Kleider aus meiner reichhaltigen napoleonischen Garderobe:
Ein Überkleid aus blauem bedrucktem Baumwollstoff, das so aussehen soll, als sei es aus einer Robe à l’Anglaise umgearbeitet worden, einem unmodisch gewordenen Kleidungsstück. Zu diesem Kleid hat mich „Florine“ aus der Ausstellung „Napoleon and the Empire of Fashion“ inspiriert. Und ja, da ist es wieder, das schlichte weisse Kleid. Dann sind da noch zwei Wollkleider für kühlere Tage, einmal in violett und einmal in dunkelblau.

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napoleonik06napoleonik05Mein Abendkleid aus blasslila und braun changierendem Seidentaft. Ich hätte nie gedacht, dass sich diese doch etwas spezielle Farbe mit so vielen anderen Farben kombinieren lässt. Ursprünglich wollte ich nur schwarze oder weisse Accessoires dazu tragen. Es stellte sich dann heraus, dass sowohl grüne Sachen als auch mein hellkorallenfarbiger Schal wunderbar dazu passen. Auf dem linken Bild trage ich unter dem Seidenkleid das weisse Baumwollkleid, dadurch ergibt sich am Ausschnitt ein hübscher Effekt.

 

 

 

napoleonik07Kleiner Einblick ins „Darunter“: Eine kurze Schnürbrust aus zwei Lagen Leinenstoff, einer Lage Seide und einigen wenigen Stäbchen. Ich bezeichne dieses Teil immer als historischen Wonderbra, unglaublich, welch ein Decolleté es zaubert! Dass unter der Schnürbrust ein Leinenhemd getragen wird, muss ich nicht mehr erwähnen, oder? 😉

 

 

 

Snapoleonik08tellvertretend für die vielen Accessoires hier eine Brieftasche, die ich für einen Freund genäht und bestickt habe. Sie besteht aus dunkelblauer Seide mit einem Futter aus Baumwolle. Zwischen den Stoffen klebt dünner Karton, damit die Brieftasche auch schön ihre Form behält. Zum Verschliessen des Portefeuilles wird das Seidenband drumrum gewickelt und mit einer Schlaufe festgebunden.

 

 

 


Damit ist der kleine Rundgang durch meine nähmaschinenlosen Nähereien erst einmal beendet. Es gibt noch einiges mehr, vielleicht mache ich später einen ähnlichen Beitrag daraus, mal sehen.

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UFO Nr. 2: Empirekleid

Das zweite Projekt aus dem UFO-Roulette ist fertig: Ein Kleid im Stil der späten 1790er- / sehr frühen 1800er-Jahre, das ich nach einem Schnitt von Past Patterns genäht habe. Past Patterns-Schnitte sind wunderbar einfach zu verarbeiten und sind dank ihrer ausführlichen zugehörigen Beschreibung sowie den klaren Markierungen auf den einzelnen Schnittteilen auch für nicht so geübte Näherinnen und Näher historischer Mode geeignet.

Für dieses Kleid habe ich einen bedruckten-Baumwoll-Sari verarbeitet. Dieser war reichlich gestärkt, so dass selbst nach einigen Wäschen immer noch Stärke im Stoff vorhanden ist und das Kleid deswegen noch nicht wunschgemäss fällt. Also ist fleissiges Weiterwaschen angesagt. Gefüttert habe ich bei diesem Kleid nur das Oberteil, das war zwecks Stabilität des Kleides nötig. Der Saristoff ist sehr fein, ohne Futter wäre das Risiko, dass der Stoff an belasteten Nähten reisst, zu gross.

Mal schauen, wann ich das Kleid ausführen kann, dann wird’s auch Tragefotos geben. 🙂

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